Der Hebräerbrief bietet auf den ersten Blick keine leichte Kost. Wie kann man aus christlicher Überzeugung sagen, dass der Vater seinen Sohn züchtigt, wenn er ihn liebt? Sollte der Vater nicht den Sohn vom Besseren überzeugen als schlagen? Wir können heute diese Aussagen in der wörtlichen Form nicht nachvollziehen. Dem Ideal entsprechen sie nicht. Ich kann mir nur vorstellen, dass der Autor selbst in einer schwierigen Situation lebte. Wenn es auch nicht Paulus war, der den Brief geschrieben hat, so ist er doch in einer Zeit verfasst, als Christen immer wieder der Verfolgung ausgesetzt waren. Wenn man im Gefängnis sitzt, wenn man Drangsalen ausgesetzt ist, wie kann man dann diesen Ereignissen Sinn zuordnen? Liegt da nicht der Gedanke näher, dass Gott abwesend ist oder dass es Ihn gar nicht gibt?

Der Autor findet eine andere Antwort. Er sieht die Ereignisse des eigenen Lebens als Ansporn, den eigenen Weg zu bedenken. Bin ich gut unterwegs? Tue ich das Richtige? Fordert mich diese Situation heraus, dass ich das Durchhalten lerne? Wird meine Treue zur Entscheidung für den Glauben geprüft? „Ihr habt die Mahnung vergessen, die euch als Söhne anredet: Mein Sohn, verachte nicht die Zucht des Herrn und verzage nicht, wenn er dich zurechtweist!“ (Hebr 12,5) Großgeschrieben ist das kleine, aber bedeutende Wort „verzage nicht“. Denn am Ende werdet ihr die Früchte eurer Treue ernten, das ist die Gerechtigkeit als Frucht des Friedens. „Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark, 13schafft ebene Wege für eure Füße, damit die lahmen Glieder nicht ausgerenkt, sondern vielmehr geheilt werden!“ (Hebr 12,12) Nicht die Gewalt wird hier verherrlicht, sondern das Leben als Weg in der Bewährung, in der Festigung begriffen. Trotz der Schwäche das Rechte zu tun – dazu ruft Christus im Evangelium auf. Und wenn die innere Motivation eine Stärkung braucht, wenn man sich an den letzten Platz gestellt fühlt: „da sind Letzte, die werden Erste sein, und da sind Erste, die werden Letzte sein.“ (Lk 13,30) Erster sein, bedeutet bei Christus sein, so wie die Sünderin, die Jesus die Füße wusch. Sie war Ihm nahe, obwohl sie die anderen nicht respektierten. "...sie werden von Osten und Westen und von Norden und Süden kommen
und im Reich Gottes zu Tisch sitzen." (Lk 13,29)

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