Das Aufrechnen von sichtbarer Leistung ist eine Gefahr nicht nur für die Gemeinschaft, sondern für das persönliche, innere Leben. Die Arbeiter der ersten Stunde sind über das Verhalten ihres Arbeitgebers enttäuscht. Sie kritisieren ihn offen: „Diese Letzten haben nur eine Stunde gearbeitet

und du hast sie uns gleichgestellt. Wir aber haben die Last des Tages und die Hitze ertragen.“ (Mt 20,12) Sie drücken ihr Misstrauen gegenüber der Entscheidung des Gutsbesitzers aus. Er hat alle gleich bezahlt, ob er sie früher oder später angeworben hat. Jeder hat bekommen, was er für den Tag braucht: einen Denar, das war der Lohn eines Tages. Das Misstrauen, dass sie säen, zerstört das Vertrauen unter den Arbeitern im Weinberg. Missgünstige Blicke, sarkastische Kommentare zerstören die Gemeinschaft unter den Arbeitern. Wie kann ein Mensch noch ruhig arbeiten, wenn er argwöhnisch beobachtet wird, wenn seine Schritte und Taten nach Stunden gezählt werden, aber nicht vom Arbeitgeber, sondern vom Kollegen, vom Nachbarn am Arbeitsplatz? Wie wirkt sich die Kritik auf den Kritiker aus? Er beobachtet, sucht Versäumnisse, ist immer mehr mit der Arbeit des anderen als mit seiner Arbeit beschäftigt.

Die Antwort des Gutsbesitzer besänftigt ihn nicht: „Freund, dir geschieht kein Unrecht. Hast du nicht einen Denár mit mir vereinbart? Nimm dein Geld und geh! Ich will dem Letzten ebenso viel geben wie dir. Darf ich mit dem, was mir gehört, nicht tun, was ich will?“ (Mt 20, 13-15) Wenn das Misstrauen in die Seele gesät wird, hilft nicht einmal diese freundschaftliche Zuwendung. Der Arbeitgeber nennt den Arbeitnehmer Freund, das ist überraschend. Er lässt ihn an der Verantwortung für die Menschen teilhaben. Das Böse schleicht sich in seine Seele und er lässt es in sich wuchern, bis es ihn ganz ergreift und erwürgt. Es gibt den geistigen Tod des Menschen, wenn er nur mehr das Schlechte sieht, vor Kontrollwahn keine guten Ideen mehr wachsen lässt.

Wer ist Gott? Er ist der Gute. Wenn Jesus Christus dieses Gleichnis seinen Zeitgenossen erzählt, sagt Er etwas von sich: „Ich bin gut.“ Das ist keine naive Gutmütigkeit, sondern die Güte in ihrem ursprünglichen Sinn. Er beruft, und das ist das größte Geschenk, das niemand durch Leistung erwerben kann. Er nennt uns Freunde und ruft uns in Seinen Dienst. Berufen zu sein, für Ihn wirken zu dürfen, ist das Größte, das einem geschenkt werden kann. Warum? Er erfüllt den inneren Menschen mit Freude. Gott sieht mich an wie der Gutsbesitzer die wartenden Arbeiter. Er bemerkt mich. Er traut mir zu, in Seinem kostbaren Weinberg zu arbeiten.

„Für mich ist Christus das Leben“, bekennt der Hl. Paulus. Auch wenn Gottes Gedanken nicht unsere Gedanken sind, mit Ihm verbunden zu sein, von Ihm gerufen zu sein, übersteigt alles an wert. Danach sollen wir streben. „Sucht den Herrn, er lässt sich finden, ruft ihn an, er ist nah!“ Amen

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