Die Psalmen sind ein Buch lebendiger Eindrücke. Mitten im Alten Testament finden sich 150 kurze und längere Texte, die Gedanken von uns Menschen realistisch wiedergeben. Die Psalmen sind von Menschen für Menschen geschrieben – Gebete, Gedankenanstöße, Zweifel, Erkenntnisse. Sie gehen in zwei Richtungen: Einerseits denken die Psalmen über Gott nach. Sie sprechen Ihn direkt an oder beschreiben Sein Wesen oder Sein Wirken. In diesem Licht richten die Psalmen ihren Blick auf die Menschen. Wie sehe ich die Menschen in meiner Umgebung? Wie ist mein Verhältnis zu ihnen?

Jesus Christus spricht im heutigen Evangelium über die Vergebung. Genau das hat ein Psalm zum Thema. Ich möchte ihn anführen, weil er uns hilft, unsere eigenen inneren Regungen zu begreifen und in eine gute Richtung zu lenken. Sonst kann sich der Einzelne innerlich verrennen, sich in Gedanken verstricken, die ihn zum Bösen führen. „Fast wären meine Füße gestrauchelt, beinahe wären ausgeglitten meine Schritte.“ (Ps 73,2)

Kennen Sie dieses Gefühl: Jemand tut Böses, erleidet aber keine Konsequenzen, und das ist ärgerlich. „Ich habe mich über die Prahler ereifert, als ich das Wohlergehen der Frevler sah.“ Vor lauter innerem Grimm wiederholt sich der Mensch, der diesen Psalm verfasst hat. Seine Füße, seine Schritte werden unsicher, weil es dem Prahler, der Frevler gut geht, obwohl er Böses tut. Gewalttat paart sich mit Hochmut und bösen Plänen. Den Frevlern geht es so gut, dass „sie kaum aus den Augen sehen vor Fett“ (Ps 73, 7). Diese Gedanken quälen den Menschen, vor allem wenn er sich selbst immer bemüht hat, das Gute zu tun. Es schleicht sich Verzagtheit ein: „Umsonst bewahrte ich lauter mein Herz und wusch meine Hände in Unschuld. Und doch war ich alle Tage geplagt.“ (Ps 73,14)

Man merkt die Gefahr der Bitterkeit, wie der Schmerz im Inneren bohrt (vgl. Ps 73,21)

Was jetzt folgt, ist eine beeindruckende Wendung: Der Beter merkt, dass das Böse keinen Bestand hat: „Du stellst sie auf schlüpfrigen Grund, Du lässt sie in Täuschungen fallen.“ (Ps 73,18) Nach all der Enttäuschung kommt die Einsicht, dass Gott alles ist in meinem Leben. „Du hast meine Rechte ergriffen. Du leitest mich nach Deinem Ratschluss. ... Wen habe ich im Himmel außer Dir?“ (Ps 73,23-25) Wer Gott an seiner Seite hat, der sieht die Welt anders. Er bekommt eine neue Sichtweise, wenn er in „Gottes Heiligtum“ eintritt, wenn Er auf Ihn schaut.

Wo ist das Heiligtum Gottes? Natürlich ist es das Haus Gottes, die Kirche, aber genauso die Seele des Menschen, dort wo Gott in der Taufe Wohnung genommen hat. Der Mensch schaut in sein eigenes Inneres und erkennt Gottes Wirken – und der Frevler, der Prahler tritt an den letzten Platz.

Jesus hat diese Perspektive. Am Kreuz vergibt Er Seinen Peinigern. Er nimmt den Verbrecher neben Ihm ins Paradies auf.

Deshalb fordert er auf, großzügig zu vergeben. Sonst rutscht man immer tiefer in Groll und Zorn und wird bitter. „Siebzigmal siebenmal“ sollen die Jünger vergeben. Die biblische Zahl „Sieben“ hat ein tiefe Symbolik: Sie zeigt an, wie Gott und Mensch zusammenwirken. Drei steht für Gott und Vier für den Menschen (vier Himmelsrichtungen, Jahreszeiten etc.). Petrus hält schon sieben Mal für viel. Aber Jesus geht so weit, wie die Güte Gottes reicht. Es ist kein naives Vergeben, sondern es bedeutet, das Böse nicht in das eigene Herz zu lassen. Im Heiligtum soll nur Gott wohnen und nicht der Ärger und der Groll. Das Erbarmen, das man fühlt, wächst aus dem Erbarmen das Gott schenkt. Amen.

Fürbitten

Lasst uns beten zu Gott unserem Vater, der Seine Sonne über uns aufgehen lässt:

Du hast Deinen Sohn gesandt, um die Menschen zu versöhnen,

  • gib, dass Deine Kirche Vergebung lehrt.

Du willst, dass alle Menschen in Frieden leben können;

  • bestärke in den Mächtigen den Willen zur Gerechtigkeit.

Du hast Deinen Weg im Kreuz und in der Auferstehung vollendet;

  • bleibe den Christen nahe, wenn sie in Not sind.

Deinen Jüngern hast Du den Weg der Heiligkeit gezeigt,

  • hilf uns die richtigen Entscheidungen zu treffen .

Am Kreuz hast Du dem Schächer ewiges Leben versprochen;

  • verzeih den Verstorbenen ihre Sünden und nimm sie auf in Dein Reich.

Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn. Amen.

 

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