4. Sonntag der Osterzeit – 27.4.2026

Es gibt viele Stimmen in unserem Leben: Stimmen der Angst, der Eile, der Erwartungen anderer, der Meinungsmacher, der Verführung und der Selbstsicherheit. 

Nicht jede Stimme führt zum Leben. Das Evangelium sagt heute etwas sehr Einfaches und Großes: „Die Schafe hören auf seine Stimme.“ 

Der Christ ist nicht zuerst jemand, der viele religiöse Kenntnisse besitzt, sondern jemand, der die Stimme des Herrn erkennt und ihr vertraut. Thomas von Aquin erklärt dazu, dass die Schafe die Gläubigen Christi sind, dass sie dem Hirten folgen, weil sie seine Stimme kennen, und sie vor der Stimme des Fremden fliehen. 

Die Apostelgeschichte zeigt uns, was geschieht, wenn das Wort Gottes wirklich ins Herz fällt. Petrus verkündet nicht sich selbst, keine hohlen Theorien oder philosophischen Gedankengänge, sondern Jesus Christus: den Gekreuzigten und Auferstandenen. Die Menschen hören das und werden „mitten ins Herz“ getroffen. Ihre Reaktion ist nicht bloß Rührung, nicht bloß ein schöner religiöser Eindruck, ein gutes Gefühl, sondern eine ernste, ehrliche Frage: „Was sollen wir tun?“ Genau dort beginnt echte Bekehrung. Der Katechismus sagt: Christi Ruf zur Umkehr klingt weiter in der Kirche; in der Taufe vollzieht sich die erste und grundlegende Umkehr; durch den Glauben und die Taufe wendet man sich vom Bösen ab, erhält Vergebung und neues Leben. Und diese Umkehr bleibt ein fortdauernder Weg für die ganze Kirche, die heilig ist und doch immer der Reinigung bedarf. 

Das ist wichtig: Das Evangelium hat vor, uns nicht nur zu informieren oder zu berühren, sondern uns zu verwandeln. Es genügt nicht, dass eine Predigt uns bewegt; der Glaube fragt immer nach dem nächsten Schritt. Darum ist die Antwort des Petrus so klar: Umkehr, Taufe, Vergebung der Sünden und die Gabe des Heiligen Geistes. Das Christsein ist also kein Gefühl, das man gelegentlich hat, kein Wissensstand, den man sich erwirbt, sondern eine neue Existenz, die Gott schenkt und die den ganzen Menschen betrifft.

Im Evangelium spricht Jesus dann in einer Sprache, die ebenso einfach wie tief ist. Er sagt: Wer nicht durch die Tür in den Schafstall hineingeht, sondern anderswo einsteigt, ist ein Dieb und ein Räuber. Dann sagt er es noch direkter: „Ich bin die Tür.“ Thomas von Aquin liest dieses Wort so, dass die Schafe die Gläubigen sind und Christus selbst der Zugang zur Herde und zum Heil ist; wer durch Christus eingeht, findet Weide, also Nahrung für das Leben in der Gnade und die Hoffnung auf die Vollendung. 

Und Jesus geht noch weiter: „Wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden; er wird ein und aus gehen und Weide finden.“ Das ist ein wunderbares Bild von Freiheit. Der Glaube macht nicht eng, sondern weit. Er sperrt nicht ein, sondern führt in die Fülle des Lebens. 

Man erkennt eine Stimme oft nicht durch Lautstärke, sondern durch Nähe. Ein Kind erkennt die Stimme der Mutter inmitten vieler Geräusche. Ein Freund erkennt die Stimme eines Menschen, dem er vertraut. So lernt auch der Christ, die Stimme Jesu zu erkennen: nicht zuerst im Getöse, sondern in der Nähe des Gebets, im Hören auf das Evangelium, in der Stille des Gewissens, in der Eucharistie, in der Wahrheit, die nicht dem Stolz schmeichelt, sondern das Herz heil macht.

Darum ist Ostern nicht bloß Erinnerung an ein vergangenes Ereignis. Benedikt XVI. sagt, dass in diesen Tagen des Osterfestes alles von Christus her ausgeht und die Auferstehung das Leben des Christen verwandelt; sie macht ihn zu einem neuen Sauerteig in der Welt. Zugleich betont er, dass Christus keine bloße Idee und keine Erinnerung der Vergangenheit ist, sondern eine Person, die mit uns lebt, für uns und in uns. 

Das ist die Erfahrung vieler Gläubiger: Wenn Christus wirklich gehört wird, dann ordnet sich das Leben neu. Manche Stimmen verlieren ihre Macht. Manche Angst wird kleiner. Manche Bindungen, die uns bisher beherrscht haben, beginnen zu lockern. Und was vorher nur Religion war, wird plötzlich Beziehung.

Darum reicht es heute nicht, dass uns das Wort nur rührt. Die Frage „Was sollen wir tun?“ muss konkret werden. Wo muss ich umkehren? Was muss ich loslassen? Welche Worte, welche Gewohnheiten, welche Kompromisse, welche innere Trägheit hindern mich daran, Christus ganz zu folgen? Die Kirche erinnert uns: Umkehr ist nicht nur ein einmaliger Moment, sondern ein Weg; sie ist das Werk eines zerknirschten Herzens, das von der Gnade Gottes bewegt wird. 

Der Weg des Guten Hirten führt auch durch Widerstand. In manchen Teilen der Welt ist das Bekenntnis zu Christus mit offener Gewalt verbunden. Papst Leo  erinnert daran, dass die Verfolgung von Christen weiterhin eine der weitverbreitetsten Menschenrechtskrisen ist, und Johannes XXIII. mahnte schon, dass Christen in schwierigen und bedrohten Situationen zur standhaften Treue berufen sind. 

Auch wenn hier niemand wegen des Glaubens das Leben verliert, gibt es doch den subtileren Druck: den Glauben zu verstecken, das Kreuz nicht sichtbar zu machen, in Familie, Beruf und Öffentlichkeit lieber zu schweigen. Der Gute Hirt ruft uns aber nicht zur Anpassung, sondern zum Zeugnis. Johannes Paul II. erinnert daran, dass die Osterfreude die Herzen der Gläubigen erfüllt, selbst wenn äußerlich Dunkelheit und Mühe scheinen; die Kirche weiß, dass das Licht der Auferstehung auf denen ruht, die Christus folgen. 

Für uns geht es nicht um Theorie, sondern um eine Begegnung: Christus ruft, Christus führt, Christus nährt. Er ist nicht eine Idee aus der Vergangenheit, sondern der Lebendige, der mit uns lebt. Darum kann die Kirche in jeder Zeit hoffen, selbst wenn die Welt unruhig ist. Der Auferstandene ist der Herr der Geschichte; und wer ihm folgt, empfängt nicht weniger Leben, sondern mehr: Leben in Fülle. 

Vertrauen wir also dem Guten Hirten. Suchen wir seine Spuren in dieser Welt. Hören wir seine Stimme neu. Erwecken wir neu die Freude, zu seiner Herde, zur Kirche, zu gehören. Und legen wir Zeugnis ab für das Leben, das er uns durch seinen Tod und seine Auferstehung geschenkt hat.

Amen. 

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