Texte

Katechese beim Maria-Sieler-Gedenknachmittag

am 27. Juli 2014
in Sankt Ruprecht an der Raab
von P. Dr. Bernhard Vošicky OCist

Pater Bernhard im betenden Betrachten vor dem Kreuz

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes Amen.

Ich beginne mit einem Gebet für die Priester, dass Sie vermutlich alle kennen, von der heiligen Therese von Lisieux:

„Herr Jesus Christus, Ewiger Hoherpriester, bewahre deine Priester im Schutze deines heiligsten Herzens, wo ihnen niemand schaden kann. Bewahre ihre gesalbten Hände unbefleckt, die täglich deinen heiligen Leib berühren, bewahre rein die Lippen, die geheiligt sind von deinem kostbaren Blute. Bewahre ihr Herz für dich, das gesiegelt ist mit dem erhabenen Zeichen eines glorreichen Priestertums. Lass sie wachsen in der Liebe und Treue zu dir und schütze sie vor der Ansteckung der Welt. Gib ihnen mit der Wandlungskraft über Brot und Wein auch die Wandlungskraft über die Herzen. Segne ihre Arbeiten mit reichlicher Frucht und schenke ihnen dereinst die Krone des Ewigen Lebens. Amen.“


Die Katechese findet man auf Youtube unter diesem Link zum Nachhören: MARIA SIELER - VORBILD DES BETENS (Pater Bernhard Vošicky OCist).


Bewusst habe ich dieses Gebet der kleinen heiligen Therese, die übrigens auch Kirchenlehrerin ist, hier vor dem Herz-Jesu-Bild der Maria Sieler gesprochen.

Herz Jesu Bild in der Pfarrkirche St. Ruprecht an der Raab

Denn vor diesem Bild hat sie gerne gebetet, und ich hoffe daher, dass es jetzt auch für unsere Fernsehzuschauer möglich ist, dass sie dieses Bild sehen. Denn dieses Bild ist bedeutungsvoll für die Spiritualität der Maria Sieler, über die ich jetzt einen Vortrag halten darf.

 Ich freue mich übrigens, dass trotz des schlechten Wetters sehr viele hier her gekommen sind, auch Ordensfrauen von Vorau und Angehörige des Zisterzienserordens von Heiligenkreuz, meine Mitbrüder.Über 30 km südlich von Graz in der Steiermark liegt das kleine Dorf Winterdorf, von hier nur 1 km entfernt, das um die Jahrhundertwende etwa 200 Einwohner zählte. Hier erblickte Maria Sieler am 3. Februar 1899 das Licht der Welt. Schon am folgenden Tag – Sie können ihn sich gut merken, denn es ist der St. Blasiustag, an dem wir stets den Segen gegen Halskrankheiten bekommen, – wurde sie in der ½ Stunde (Fußweg) entfernten Pfarrkirche in St. Ruprecht an der Raab getauft. Wir sind also hier heute in ihrer Taufkirche. Hier ist sie Kind Gottes geworden.

Man darf wohl sagen, dass dieser Ort eine besondere Atmosphäre hat. Wir tauchen hier nämlich ein in die tiefe Spiritualität der Maria Sieler. Ihre Eltern waren der Landwirt Ferdinand Sieler und Maria Strasser. Im Jahre 1897 haben sie die Ehe geschlossen. Und als sie die Ehe schlossen, war der Vater bereits 50 Jahre alt, die Mutter um 21 Jahre jünger. Das erste Kind war ein Bub, Hans, das zweite unsere Maria. Dann folgten noch drei Mädchen: Anna, Aloysia und Rosa. Aus der ersten Zeit ihrer Kindheit erinnerte sich Maria noch, wie der Vater sie und ihren Bruder Hans das erste Gebet lehrte. Es ist etwas Wunderbares, wenn die Eltern ihre Kinder beten lehren. Und so hat auch Maria Sieler hier in dieser schönen Pfarrkirche beten gelernt.

Das wäre eigentlich entscheidend auch für unsere Zeit, das 21. Jahrhundert: Lehrt die Kinder wieder Beten! Es wäre das Wichtigste überhaupt. Wir Ordensleute sind ja sozusagen Spezialisten des Gebetes, und auch ich bemühe mich in dieser Zeit, die Kardinal Schönborn als Jahr des Gebetes ausgerufen hat, jeden Montag bei Radio Maria eine Einführung über das Gebet zu geben, anhand des Katechismus. Das können Sie übrigens auch selber tun: Nehmen Sie den Katechismus zur Hand und schlagen Sie das letzte Kapitel nach: dort geht es ums Gebet.

Doch zurück zu Maria Sieler. Der Vater nahm eines Tages beide, den Bruder Hans und die kleine Maria auf das Knie und hat sie auf den Schoss gesetzt: Auch das ist wichtig; die Eltern müssen zu den Kindern eine echte zärtliche und liebende Beziehung haben, erst dann kann auch das Gebet in das Herz der Kinder fließen.

Der Vater von Maria Sieler starb aber im Jahr 1905 an einer Lungenentzündung. Damals war Maria erst sechs Jahre alt. Mit sechs Jahren verlor sie also ihren Vater, und von da an musste sie Gott als ihren Vater erkennen. Für die Mutter war es nicht leicht, denn sie stand nun mit fünf Kindern allein da. Maria wurde schon früh mit dem Leid vertraut, denn nur ein Jahr nach dem Tod des Vaters ging die Mutter eine zweite Ehe ein. Sie brauchte einen Mann für die fünf Kinder! Aber diese zweite Ehe war nicht glücklich. Daher hat Maria mit fünf bis sechs Jahren viel gelitten. Sie musste schließlich erleben, wie diese zweite Ehe zerbrochen ist. Die Mutter fand in ihrem zweiten Mann nicht die erwartete Stütze, und er war den Kindern kein guter Vater. Er hat Frau und Kinder schon nach einem Jahr wieder verlassen. Das muss für die junge Maria Sieler ein schweres Leid gewesen sein: Der zweite Mann verlässt die Mutter. Die nächstälteste Schwester weiß zu erzählen, dass Maria die Geschwister ermahnt hat, sie sollten alles Schwere für die Mutter aufopfern.

Da kommt zum ersten Mal der Gedanke des Aufopferns. Benedikt XVI., der emeritierte Papst, erklärt in seiner Enzyklika über die Hoffnung („Spe Salvi“), was „aufopfern“ bedeutet: Jesus Christus hat sich selbst als Gott dem Vater wohlgefällige Opfergabe dargebracht am Holz des Kreuzes. Er ist Priester und Opfergabe zugleich und hat sich selbst geopfert. Im Alten Testament haben die Priester Stiere, Rinder, Schafe aufgeopfert, Speiseopfer und Brandopfer nannte man das. Tausende Tiere wurden da im Tempel von Jerusalem geopfert. Aber Gott will eigentlich nicht Tieropfer, das heißt Surrogate bzw. minderwertige Ersatzmittel, sondern er will uns selbst. Er will, dass wir selbst eine Hostia Viva, eine lebendige Opfergabe sind. – Er will, dass wir uns selbst als Opfergabe darbringen! – Sie wissen, dass auch Tauben als Opfergabe im Tempel dargebracht worden sind, sogar von Josef und Maria zur Auslösung des Jesuskindes 40 Tage nach seiner Geburt: zu Maria Lichtmess feiern wir das. Aber auch solche Tieropfer will eigentlich Gott nicht, sondern, dass wir uns selbst darbringen.

Das hat Christus uns vorgelebt und gezeigt, indem er sich selbst aus Liebe am Holz des Kreuzes dargebracht hat und schon vorher beim Letzten Abendmahl. „Das ist mein Blut, das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird.“ – In diesen Worten kommt das Opfer zum Ausdruck. Es ist Hingabe, Selbstverzicht: Ich gebe mich auf oder gebe mich her zugunsten der anderen. –Selbstaufgabe und -hingabe, Selbstverzicht und Opfer! – Und Gott nahm dieses Opfer an, weil es ein Opfer der Liebe ist.

Es war die totale Selbstverschenkung. Und nun kannst du zu diesem Opfer Christi dein eigenes dazugeben. Das heißt aufopfern: Auf dieses Opfer Christi etwas drauflegen. So erklärt es Benedikt XVI. in Spe Salvi. Und das hat Maira Sieler schon gelernt als kleines Kind, damals, als ihr Vater gestorben ist und die Mutter ein zweites Mal geheiratet hat, damals, als die Mutter vom Stiefvater so schlecht behandelt wurde, und noch dazu, als der Stiefvater die Mutter nach einem Jahr wieder verlassen hat. Damals hat sie das alles aufgeopfert: dieses Leid, diesen Schmerz. Sie tat es vor diesem Bild, dem Bild Jesu: So hat sie schon damals ihr Opfer zum Opfer Jesu dazugelegt, schon als kleines Mädchen.

Maria hat also schon als Kind bewusst das Leid angenommen und aufgeopfert. Maria beginnt den Bericht über ihr Leben mit der Feststellung: „Eigentlich auffällig wurde mir die besondere Gnade des Herrn erst im Jahr 1921, als ich 22 Jahre alt war. Früher war ich immer der Meinung, alle Seelen seien innerlich so geführt, und ich hielt alles für selbstverständlich.“ Das heißt, Maria hat gar nicht bemerkt, dass sie so eine einzigartige persönliche Seelenführung hatte. Es war ihr nicht bewusst, dass sie von Jesus Christus persönlich geführt wurde! Erst mit 22 Jahren ist ihr aufgefallen, dass ihre Seelenführung ganz anders ist als die Seelenführung der anderen. Sie schreibt: „Wenn ich jetzt zurückschaue auf meine Kinderjahre, so sehe ich alles anders. Ich sehe, dass Jesus schon in meiner Kindheit den Grund gelegt hat zu den späteren Gnaden, und dass er mich seit dem Erwachen der Vernunft besonders begnadet hatte.“ Und dann erzählt sie ihr erstes mystisches Erlebnis – mit sechs Jahren. „Ich kann mich noch gut erinnern, dass ich ein sehr schüchternes Kind war, als ich, sechs Jahre alt, zur Schule kam. Die Lehrerin, eine Schulschwester, mahnte uns Kinder besonders beim Schulgebet, recht andächtig zu sein. Das wollte ich auch. Ich schaute auf das Kreuz an der Wand und merkwürdig: es ist mir heute noch in sehr lebhafter Erinnerung. Ich war in einem unbegreiflichen Bann. Es war mir so lebhaft klar, dass Jesus vom Kreuz herab zu mir sagte: Schau her zu mir, Maria! Schau her zu mir und bete andächtig! Von dieser Art des Gebetes wirst du zu jener Art gelangen, dass du mit mir reden kannst, wie Menschen unter sich reden.“

Das erscheint interessant: Das sechsjährige Kind wird vom gekreuzigten Jesus persönlich angesprochen und eingeladen zum inneren Gebet! Der Gekreuzigte schaut sie an und zieht sie in sich hinein. Und das sollten wir heute mitnehmen. Wir sind geneigt, Jesus anzusprechen und unsere Gebete zu „verrichten“ – unsere „Pflichtgebete“. Aber eigentlich ist es der Herr, der uns in sein Herz aufnehmen möchte. Er zieht uns in sich hinein. Und das hat er die Maria Sieler schon von klein auf gelehrt. Sie hat es vor diesem Herz-Jesu-Bild und vor dem Kreuz erfahren, als Jesus zu ihr sagte: „Schau her zu mir, Maria, und bete andächtig [...], dass du mit mir reden kannst wie Menschen unter sich reden.“

Sie hat dann gelernt, mit dem Herzen zu beten und dem Herrn alles zu sagen, was sie empfindet. – Und der Herr hat ihr alle seine Empfindungen geschenkt. Das ist die besondere Mystik der Maria Sieler, dass sie so empfinden konnte wie der Herr, dieselben Gefühle hatte wie Jesus. Sie konnte dann die Schmerzen und Freuden mit ihm teilen. Sie konnte dann so reden, denken und handeln wie er, ganz eins geworden mit ihm. „Ich konnte mir nicht erklären,“ so schreibt sie, „woher diese Stimme vom Kreuze her war. Aber die Wirkung dieser Worte, die mir so deutlich gesagt wurden, war entscheidend! Mir schienen diese Worte von Jesus, und ich wollte diese Art des Gebetes erreichen. Das wurde in jedem Augenblick mein kindlicher Vorsatz.“

Das bedeutet: Sie hat im Alter von sechs Jahren begonnen, alles mit Jesus zu besprechen. Das ist etwas ganz Wunderbares, dieses innerliche Gebet: „Komm mit mir, Herr Jesus, ich gehe jetzt da und da hin, ich gehe mit dir.“ – „Siehst du Jesus, was hier geschieht, diese zwei Geschwister streiten miteinander. Jesus, segne sie!“ – „Schau, die zwei da drüben, sie sind spinnefeind miteinander, segne sie. Ich bete für sie, dass sie wieder in Frieden zueinander finden.“ – Sie hat alles mit Jesus besprochen. Das wäre auch für uns so wichtig: dass wir bewusst an der Hand Jesu gehen und alles mit ihm in einem inneren Dialog bereden. Mit ihm gemeinsam alles abhandeln: unseren ganzen Alltag, das ganze tägliche Geschehen...

Maria Sieler konnte so wirklich in immerwährendem Gebet bleiben. Ihre Tante, die in Winterdorf lebte und die ich einmal gemeinsam mit Herrn Kaplan Walter Obenaus, der heute die heiligen Messe mit euch gefeiert hat, besucht habe, haben wir mit Frau Sieler, d. h. mit der Cousine der Mystikerin gesprochen. Und da hat sie gesagt: „Die Romtante“ – sie hat sie immer die Romtante genannt, weil sie eine Zeitlang in Rom gelebt hat – „die hat alleweil bet´.“ Was heißt das: alleweil beten? Es heißt, ständig im inneren Dialog mit Jesus stehen.

Ich möchte Ihnen ein Beispiel nennen, das ich heute erlebt habe: Ich komme hier herein in die Sakristei, und es wird mir ein Platz angeboten: der Aufgang zum Turm. Zwei Stühle waren dort aufgestellt, und da sollte ich Beichte hören. Und ich habe mich bemüht, dort Beichte zu hören, und es sind viele gekommen. Doch dann hat es geregnet, und irgendwie muss Wasser eingedrungen sein, und auf einmal merke ich, dass ich von unten her nass bin. Na ja, dass ich ja noch nicht so tragisch, da habe ich halt gesagt: „Jesus, heute willst du halt, dass es nass und kalt ist.“ Aber wie dann auf einmal jemand an die Tür klopft und sagt: „Ich muss hinauf, denn der Blitz hat eingeschlagen!“ Und er hat ordentlich eingeschlagen und hat alles kaputt gemacht da oben in den elektrischen Anlagen. – Da war mir schon klar: „Lieber Jesus, du hast heute doch noch einiges mit mir vor, nicht?“ Also halb so schlimm: Der Blitz hat nicht mich getroffen, sondern nur den Turm, aber immerhin! Mir ist dann auch das Wort eingefallen: „Ich sah den Satan wie einen Blitz vom Himmel fallen...“ Natürlich, der will auch nicht, dass ich da sitze und Beichte höre, das ist mir klar! Sehen Sie, an solchen Beispielen verstehen Sie, was das innere Gebet bedeutet: Alles mit Jesus besprechen!

Wenn ich wichtige Vorträge zu halten habe, bemühe ich mich auch zu fasten. Natürlich kommen dann viele und wollen mich unbedingt überreden, zu essen und zu trinken! Nachher vielleicht! Aber wichtig ist es, das wir uns auf das Wesentliche konzentrieren. Und da musst du dann mit Jesus sprechen: „Jesus du weißt, ich habe mir doch vorgenommen zu fasten. Jesus, hilf mir, dass ich diesem Vorsatz treu bleibe.“ Das ist dieses innere Gespräch. Es ist etwas Wunderbares, dieses immerwährende innere Gebet, und das hat sie ihr Leben lang gelernt und ist darauf aus gewesen, unsere liebe Maria Sieler. Das hat sie hier in St. Ruprecht gelernt, und das ist vielleicht auch eine Ortsgnade. Erbitten Sie das! Sie sagt dann: „Beim Schulgebet wandte ich keinen Blick vom Kreuz ab, so dass schon die Lehrerin gesagt hat: Die Maria, die schaut alleweil aufs Kreuz und nicht auf mich, auf die Lehrerin!“ Und da hat die Maria Sieler gesagt, „Naja, wissen Sie, der am Kreuz ist ein besserer Lehrmeister als Sie!“ Naja, sie hat recht gehabt, nicht? Die Schule des Kreuzes ist ja doch die Richtige.

Aber sie hat dann auch ab und zu ihre Blicke der Lehrerin zugewandt. Aber sie schreibt wörtlich in Bezug auf das Kreuz: „Die früheren Worte zogen meine Blicke dorthin. Ich wollte ja mit Jesus immer reden, alles mit ihm besprechen, alles mit seiner Liebe vereinen. Ich wollte mit Jesus einfach reden lernen. Ich hatte die innere Freude, die Gnade, die mir unbegreiflich war, damit gehorsam zu sein. Von einem Jahr auf das andere war ich schon neugierig: Wann kann ich mit Jesus wirklich reden? Alles andere schien mir nichtig!“

Also: Erbitten Sie, dass Sie alles mit Jesus bereden, alles mit ihm besprechen. „Kommt zu mir, die ihr mühselig und beladen seid (Mt 11,28)!“ Und dann hat der Herr ihr etwas Besonderes geschenkt, Sie wissen es: Sie soll ein Priesterwerk gründen, Opus Summi Sacerdotis, und sie soll den Priestern Folgendes schenken: Die Gnade des inneren Gebetes, Einssein mit Jesus, die Gnade, alles mit ihm zu besprechen.

Schauen Sie: Wenn viele Seelen zur Beichte kommen, wenn viele Menschen zur Aussprache kommen mit ihren Sorgen, Problemen und Lasten, mit ihrem „Sperrmüll“, um alles zu deponieren, und wenn sie auch ihre Reue mitbringen, ihre vollkommene Liebesreue, und vor allem auch ihre guten Vorsätze, dann ist es doch für den Priester gut, das mit Jesus zu besprechen: „Jesus, du kennst diese Seele, rette sie! Jesus, du weißt um diese Seele, befreie sie! Jesus, du weißt wie sie beladen und belastet ist, diese Seele, befreie sie, erlöse sie, rette sie, heile sie!“ Wie viele Menschen kommen mit Krankheiten: „Heile sie!“

Wenn ein Priester ganz eins ist mit Jesus und alles mit ihm bespricht im Inneren Gebet, dann kann er den Menschen gut helfen. Das wusste Maria Sieler, und darum hat sie gesagt: „Es wird eine Erneuerung der Kirche geben durch die Priester. – und zwar durch Priester, die ganz dem Herzen Jesu ähnlich sind, die mit seinem Herzen lieben.“ – Jesus wird diesen Priestern sein Herz schenken: sein Hirten- und Priesterherz. Jetzt schauen Sie wieder auf das Bild! Er wird ihnen sein Herz schenken. Und das ist ein Hirtenherz und Priesterherz, weil Jesus ja der Priester ist. Und wenn du sein Herz hast, wenn Jesus dir sein Herz schenkt, dann kannst du mit den anderen mitfühlen. Natürlich bleiben die menschlichen Bedürfnisse übrig. – Was heißt das? Man muss hier und da auch aufs WC gehen, nicht?! Das ist sehr schwierig, denn die Leute sind immer ungehalten, wenn der Priester fortgehen muss. Naja, aber die menschlichen Bedürfnisse bleiben halt! Natürlich muss der Priester auch manchmal schlafen; auch da sind die Leute frustriert: „Was wird denn der schon wieder schlafen?! Der Pfarrer von Ars hat nur ganz wenig geschlafen und fast nichts gegessen. Ich sage Ihnen das, damit Sie verstehen: die Leute sind fordernd, wenn sie spüren: „Der Priester versteht mich, er geht auf mich ein“ oder „der hat ein Herz für mich und ein Ohr“ und: „Er ist ein zweiter Christus, ein anderer Christus, er stellt Christus für mich dar; er geht auf mich ein.“

Und nun hat Jesus zu Maria Sieler gesagt: „Ich will meinen Priestern mein Hirtenherz schenken, mein Priesterherz. Meine Priester sollen wieder Hirten der Seelen werden.“ Das war am 19. August 1937. Sie schreibt: „Jesus öffnete mir heute seine Absichten in klarer Form. „Ich will meinen Priestern mein Hirtenherz schenken. Ich schaute vom Himmel her die gefallene Menschheit in ihrer Not und Sündhaftigkeit und Hilflosigkeit. Und mein Herz war voll Mitleid und Trauer darüber. Und ich beschloss: Ich will den Priestern mein Herz öffnen.“ Und: „Ich will, dass meine Gesinnung auf die Priester überströmen kann.“ Dieser Gedanke ist entscheidend: Die Erneuerung der Kirche durch die Priester erfolgt dann, wenn sie schon bei der Priesterweihe das Hirten- und Priesterherz Jesu geschenkt bekommen und dann so denken, fühlen und empfinden wie er, so verstehen und begreifen wie er, so auffassen und handeln können wie er, so denken und reden wie er!

„Zwanzig Jahre später,“ so schreibt Maria Sieler, „wurde derselbe Gedanke im Zweiten Vatikanischen Konzil ausgedrückt.“ – Ist das nicht schön, dass das Zweite Vatikanische Konzil diese Gedanken, die Jesus Maria Sieler geschenkt hat, übernommen hat? Sie können das nachlesen im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über Dienst und Leben der Priester, Nr. 13. Da heißt es: „Als Lenker und Hirten des Volkes werden die Priester von der Liebe des guten Hirten angetrieben, ihr Leben für ihre Schafe hinzugeben, auch zum höchsten und letzten Opfer bereit, nach dem Beispiel jener Priester, die auch in unserer Zeit nicht gezögert haben, ihr Leben für Christus hinzugeben.“ Das ist das Ziel: Die Priester des dritten Jahrtausends, ausgestattet mit dem Hirtenherzen Jesu, werden bereit sein zum höchsten Opfer, zu dem Opfer nämlich, ihr Leben hinzugeben. Sie werden zum letzten Opfer bereit sein. – Das steht im Konzilstext!

Und es steht schon 1941 in den Schriften von Maria Sieler. Der Priester stellt die Aufgabe Christi dar, sich für die anderen zu opfern, d. h., das Opfer Christi fortzusetzen. Der Priester soll die Aufgabe Christi fortsetzen und vollenden. 1941 schreibt Maria Sieler: In dieser Woche habe ich innerlich die Art des von Christus gewollten Priesters geschaut: Der Priester ist von Gott Vater gesandt, um Christi Aufgabe weiterzuführen: „Wie mich der Vater gesandt hat, so sende ich euch!“ Im Augenblick der Priesterweihe nimmt der Priester vor Gott die Stelle Christi an, um dessen Aufgabe unmittelbar fortzusetzen.“ So ist also unser Priestertum eine Fortführung des Wirkens Jesu. Denn was Christus getan hat: sich selbst zu opfern und hinzugeben, das setzt der Priester fort. Daher ist es so wichtig, dass der Priester teilnimmt am Mittleramt Christi. Der Priester sei der Erstberufene, um die inneren Leiden seines Meisters zu teilen, und er solle sein Herz zu einem beständigen Schlachtopfer zu gestalten suchen, sagt Maria Sieler. Der Priester sei nach den Absichten des heiligsten Herzens bestimmt, den Seelen die Erlösungsgnaden zu vermitteln, aber er solle auch das Erlöserleben Jesu in sich fortsetzen, auf dem Altar ein Opfer sein mit Jesus. Und jetzt wird es konkret: Wenn der Priester auf dem Altar das Messopfer darbringt (das Opfer von Golgatha wieder gegenwärtig setzt, wie es das Konzil sagt), dann muss er sich mit dem Opfer Jesu verbinden, durch die Wandlung immer mehr an ihm teilnehmen und in seinem priesterlichen Leben „Jesus leben“.

Was heißt das? – Der Priester soll Jesus sein: ein zweiter, anderer Christus, ihm gleichförmig. Er soll in seinem priesterlichen Leben Jesus leben. Das kann er aber nur, wenn er sich Tag für Tag neu mit ihm verbindet, und wenn Tag für Tag Jesus dem Priester sein Priesterherz schenkt und seine Opferhingabe ermöglicht. Maria Sieler schreibt: „Vor allem soll der Priester eins sein mit Jesus in der Opfergesinnung. In der Hingabe an Jesu Interessen soll er das Höchste suchen.“ Halten wir also fest: Die Interessen Jesu sollen die Interessen des Priesters sein.

Vor kurzem ist ein Mitbruder in unserem Stift Heiligenkreuz verstorben: Pater Raynald Heffenmeyer. Er wird am Donnerstag beerdigt. Und ein junger Mitbruder sagte zu mir: „Pater Bernhard, Sie haben einmal in einem Buch geschrieben, als der Abt Karl Braunstorfer gestorben sei, hätten Sie ihm die Kreuzreliquie gebracht und ihm noch die Gelübde erneuert. Sollten Sie das nicht auch für Pater Raynald tun?“ Sehen Sie, da kommt ein Mitbruder und erinnert einen! Und dann habe ich schnell das Kreuz Jesu geholt, unsere Kreuzreliquie, und habe es Pater Raynald hingehalten, – das war wunderschön, – als er sterbend im Bett lag. Er hat noch einmal die Augen weit geöffnet und aufs Kreuz geschaut, auf Jesus hingeschaut, so wie Maria Sieler. Dann hat er seine Lippen bewegt. Man hat nichts verstanden, aber er hat innerlich gebetet. Und dann habe ich die Gelübdeformel gesprochen und stellvertretend für ihn erneuert. Da hat er noch ein paarmal die Augen aufgerissen und aufs Kreuz geschaut. Dann haben wir gesungen: Heiliges Kreuz, sei hochverehret... Sehen Sie, das ist es: Der Priester muss in dieser Intimität mit dem Gekreuzigten bis in den Tod hinein leben und sterben (vgl. Abb. 35). So ist er gleichsam am Kreuz Jesu gestorben, verbunden mit ihm in der Lebenshingabe der Profess, in den Ordensgelübden und in der Treue, in der Hingabe seiner selbst als Opfer der Liebe. Sehen Sie, darauf kommt es an. In dieser Opfergesinnung leben, das wollte Maria Sieler, und das bringt die Erneuerung der Kirche.

Das bringt in der Tat die Erneuerung unserer Kirche, wenn die Priester wieder so wie Jesus sind, in seiner Opfergesinnung und mit ihm vereint leben. Das hat sie erbeten und erhofft. Das hat sie selbst vorgelebt und dann für die Priester niedergeschrieben. Jesus hat zuerst sie, entschuldigen Sie den Ausdruck, als „Versuchskaninchen“ verwendet. Verzeihen Sie den Ausdruck, aber das sagt man so, nicht? Er hat es zuerst bei ihr „ausprobiert“ – etwas vornehmer formuliert. Er tat es, um dann zu sagen: „So soll es auch bei den Priestern sein.“ Maria Sieler sagte: „Ich leide sehr. Aber es ist meine Aufgabe, opfernd und leidend die Stelle Jesu zu vertreten. Er braucht gleichsam jemand, wo er das Opfer seiner selbst, seiner einst erlittenen Leiden wiederholen kann.“ Das schreibt Sieler 1940. Wenn sie 1899 geboren ist, war sie damals 41 Jahre jung. Mit diesen 41 Jahren hat sie schon erfasst, dass Jesus jemanden braucht, damit er das Opfer seiner einst erlittenen Leiden wiederholen kann. „Wenn Jesus mich gleichsam beständig auf dem Altar als Opfer wollte, wenn er mir oft versprach, durch dieses immerwährende Mitopfern mich immer mehr sein göttliches Leben in mich aufnehmen zu lassen, so wollte er dadurch zeigen, welcher Art sein Leben sein werde, das er den Priestern mitteilen wollte.“ Sehen Sie? Der Priester der Zukunft muss also ein Mitopfernder sein: einer, der die Leiden und Freuden Jesu teilt, der so denkt und empfindet wie er und mit seinem Herzen sühnt und opfert.

Jetzt verstehen Sie vielleicht wieder ein bisschen mehr unsere Priestermutter der Steiermark – so nenne ich Maria Sieler gern. Ein bisserl dürfen die Steirer stolz sein auf sie, nicht? Besonders die St. Ruprechter dürfen stolz sein auf diese wunderbare Frau, die eine Erneuerung der Kirche dadurch eingeleitet hat, dass sie uns gezeigt hat, dass die Erneuerung durch die Priester erfolgt, die Christus immer ähnlicher werden. Je mehr die Priester ihre Botschaft verstehen, dass sie ein anderer oder zweiter Christus sein sollen, umso strahlender, leuchtender und damit ganz neu wird unsere Kirche in der Zukunft sein. Dienerin Gottes, Maria Sieler, bitte für uns!

Ehre sei Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist wie im Anfang so auch jetzt und allezeit und in Ewigkeit. Amen.

Es segne Euch und besonders die Priester und Gottgeweihten, damit sie immer mehr eine Hostia Viva werden, der allmächtige Gott, der Vater, der Sohn und der Heilige Geist. Amen.

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