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WEIHNACHTSEMPFANG FÜR DIE RÖMISCHE KURIE
ANSPRACHE VON PAPST FRANZISKUS
Clementina-Saal
Montag, 22. Dezember 2014

Auf Youtube findet sich die Ansprache 
als Filmaufnahme,
mit deutscher Synchronübersetzung:

"Die Kurie ist berufen sich zu bessern, sich ständig zu bessern und an gemeinschaftlichem Miteinander, Heiligkeit und Weisheit zuzunehmen, um ihre Aufgabe gänzlich zu erfüllen.[7] Und doch ist sie – wie jeder menschliche Leib – auch Krankheiten, Funktionsstörungen und Gebrechen ausgesetzt. Und hier möchte ich einige dieser möglichen Krankheiten, „Kurienkrankheiten“ erwähnen. Es sind Krankheiten, die in unserem Kurienleben nicht unüblich sind. Es sind Krankheiten und Versuchungen, die unseren Dienst für den Herrn schwächen. Ich glaube, dass der „Katalog“ der Krankheiten, von dem wir heute sprechen wollen – ein Katalog nach dem Beispiel der Wüstenväter, die solche Kataloge aufstellten –, uns hilfreich sein wird: Er wird uns helfen, uns auf das Sakrament der Versöhnung vorzubereiten – ein schöner Schritt von uns allen in unserer Vorbereitung auf Weihnachten."
Mit diesen Worten leitet Papst Franziskus seine Ausführungen zu 15 Krankheiten bzw. Versuchungen ein. Es handelt sich gewissermaßen um eine Gewissenserforschung, um eine Möglichkeit, in der persönlichen Herzensformung voranzuschreiten - und zwar nicht nur für Kurienmitarbeiter, sondern für jeden von uns hilfreich und weiterführend. Noch zuvor versäumt es der Heilige Vater auch nicht, der Kurie zu danken und selbst um Vergebung zu bitten. 
Hier findet sich der Text in voller Länge [LINK].

 

Die Römische Kurie und der Leib Christi

„Du thronst über den Cherubim – der Du den elenden Zustand der Welt verwandelt hast, als Du uns gleich geworden bist.“
(hl. Athanasius)

Liebe Brüder,

am Ende des Advents treffen wir uns zu den traditionellen Grüßen. In einigen Tagen werden wir die Freude haben, die Geburt des Herrn zu feiern; das Ereignis Gottes, der Mensch wird, um die Menschen zu retten; die Offenbarung der Liebe Gottes, der sich nicht darauf beschränkt, uns etwas zu geben oder uns irgendeine Botschaft oder einige Boten zu senden, sondern der uns sich selber schenkt; das Geheimnis Gottes, der unsere menschliche Verfasstheit und unsere Sünden auf sich nimmt, um uns sein göttliches Leben, seine unermessliche Gnade und seine unentgeltliche Vergebung kundzutun. Es ist die Begegnung mit Gott, der in der Armut der Grotte von Bethlehem geboren wird, um uns die Macht der Demut zu lehren. In der Tat ist Weihnachten auch das Fest des Lichtes, das vom „erwählten“ Volk nicht aufgenommen wird, sondern von den armen und einfachen Leuten, die das Heil des Herrn erwarteten.

Zunächst möchte ich euch allen – Mitarbeitern, Brüdern und Schwestern, Päpstlichen Vertretern in aller Welt – und allen euren Lieben ein gnadenreiches Weihnachtsfest und ein glückliches neues Jahr wünschen. Ich möchte euch herzlich danken für euren täglichen Einsatz im Dienst des Heiligen Stuhls, der Katholischen Kirche, der Teilkirchen und des Nachfolgers Petri.

Da wir Personen und nicht Zahlen oder nur Bezeichnungen sind, denke ich besonders an die, welche im Laufe dieses Jahres ihren Dienst beendet haben wegen Erreichen der Altersgrenze oder weil sie andere Rollen übernommen haben oder auch weil sie zum Haus des Vaters gerufen worden sind. Ihnen allen und ihren Angehörigen gilt ebenfalls mein Gedenken und mein Dank.

Gemeinsam mit euch möchte ich einen herzlichen und tief empfundenen Dank zum Herrn erheben für das zu Ende gehende Jahr, für die erlebten Ereignisse und für all das Gute, das er großzügig durch den Dienst des Heiligen Stuhls vollbracht hat, und ihn zugleich um Vergebung bitten für die begangenen Verfehlungen „in Gedanken, Worten, Werken und Unterlassungen“.

Und gerade von dieser Vergebungsbitte ausgehend, möchte ich, dass diese unsere Begegnung und die Überlegungen, die ich mit euch teilen werde, für uns alle eine Hilfe und eine Anregung für eine echte Gewissenerforschung werden, um unser Herz auf Weihnachten vorzubereiten.

Als ich an diese unsere Begegnung dachte, kam mir das Bild der Kirche als der mystische Leib Jesu Christi in den Sinn. Es ist eine Bezeichnung, die – wie Papst Pius XII. erklärte – » aus dem hervorgeht und gleichsam aufkeimt, was häufig in der Heiligen Schrift und bei den Kirchenvätern dargelegt wird «.[1] In diesem Zusammenhang schrieb der heilige Paulus: » Denn wie der Leib eine Einheit ist, doch viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich es viele sind, einen einzigen Leib bilden: So ist es auch mit Christus« (1 Kor 12,12).[2]

In diesem Sinn erinnert uns das Zweite Vatikanische Konzil daran, dass » bei der Auferbauung des Leibes Christi ... die Verschiedenheit der Glieder und der Aufgaben [waltet]. Der eine Geist ist es, der seine vielfältigen Gaben gemäß seinem Reichtum und den Erfordernissen der Dienste zum Nutzen der Kirche austeilt (vgl. 1 Kor 12,1-11) «.[3] » Christus und die Kirche bilden somit den „ganzen Christus“ – Christus totus. Die Kirche ist mit Christus eins. «[4]

Es ist schön, sich die Römische Kurie wie ein kleines Modell der Kirche vorzustellen, das heißt als einen „Leib“, der sich ernsthaft und tagtäglich darum bemüht, lebendiger, heiler, harmonischer und mehr in sich und mit Christus geeint zu sein.

Tatsächlich ist die Römische Kurie ein vielschichtiger Leib, der aus vielen Dikasterien, Räten, Ämtern, Gerichtshöfen, Kommissionen und aus zahlreichen Elementen zusammengesetzt ist, die nicht alle dieselbe Aufgabe haben, aber aufeinander abgestimmt sind im Hinblick auf eine wirksame, aufbauende, disziplinierte und beispielhafte Arbeitsweise, ungeachtet der kulturellen, sprachlichen und nationalen Verschiedenheiten seiner Mitglieder.[5]

Da die Kurie jedoch ein dynamischer Leib ist, kann sie nicht leben, ohne sich zu ernähren und sich zu pflegen. In der Tat kann die Kurie – wie die Kirche – nicht leben, ohne eine lebendige, persönliche, authentische und stabile Beziehung zu Christus zu haben.[6] Ein Kurienmitglied, das sich nicht täglich von dieser Speise ernährt, wird ein Bürokrat (ein Formalist, ein Funktionalist, ein bloßer Angestellter): eine Rebe, die austrocknet und allmählich stirbt und weggeworfen wird. Das tägliche Gebet, der regelmäßige Empfang der Sakramente – besonders der Eucharistie und des Bußsakramentes –, der tägliche Kontakt mit dem Wort Gottes und die in gelebte Nächstenliebe übersetzte Spiritualität sind die lebenswichtige Nahrung für jeden von uns. Möge uns allen klar sein, dass wir ohne ihn nichts tun können (vgl. Joh 15,5).

Daraus ergibt sich, dass die lebendige Beziehung zu Gott auch die Gemeinschaft mit den anderen nährt und stärkt, das heißt, je inniger wir mit Gott verbunden sind, desto mehr sind wir untereinander geeint, denn der Geist Gottes eint, und der Geist des Bösen trennt.

Die Kurie ist berufen sich zu bessern, sich ständig zu bessern und an gemeinschaftlichem Miteinander, Heiligkeit und Weisheit zuzunehmen, um ihre Aufgabe gänzlich zu erfüllen.[7] Und doch ist sie – wie jeder menschliche Leib – auch Krankheiten, Funktionsstörungen und Gebrechen ausgesetzt. Und hier möchte ich einige dieser möglichen Krankheiten, „Kurienkrankheiten“ erwähnen. Es sind Krankheiten, die in unserem Kurienleben nicht unüblich sind. Es sind Krankheiten und Versuchungen, die unseren Dienst für den Herrn schwächen. Ich glaube, dass der „Katalog“ der Krankheiten, von dem wir heute sprechen wollen – ein Katalog nach dem Beispiel der Wüstenväter, die solche Kataloge aufstellten –, uns hilfreich sein wird: Er wird uns helfen, uns auf das Sakrament der Versöhnung vorzubereiten – ein schöner Schritt von uns allen in unserer Vorbereitung auf Weihnachten.

1. Die Krankheit, sich „unsterblich“, „immun“ oder sogar „unentbehrlich“ zu fühlen und so die notwendigen und üblichen Kontrollen zu unterlassen. Eine Kurie, die keine Selbstkritik übt, die sich nicht fortbildet, die nicht versucht sich zu bessern, ist ein kranker Leib. Ein gewöhnlicher Friedhofsbesuch könnte uns dazu verhelfen, die Namen vieler Menschen zu sehen, von denen einige vielleicht meinten, unsterblich, immun und unentbehrlich zu sein! Es ist die Krankheit des törichten Reichen aus dem Evangelium, der dachte, ewig zu leben (vgl. Lk 12,13-21), und auch derer, die sich in Gebieter verwandeln und sich allen übergeordnet und nicht im Dienst aller fühlen. Sie beruht oft auf der Pathologie der Macht, auf dem „Komplex der Erwählten“, auf dem Narzissmus, der leidenschaftlich auf das eigene Bild schaut und nicht das Bild Gottes sieht, das dem Angesicht der anderen, besonders der Schwächsten und der am meisten Bedürftigen, eingeprägt ist.[8] Das Gegenmittel gegen diese Epidemie ist die Gnade, sich als Sünder zu fühlen und aus ganzem Herzen zu sagen: » Wir sind unnütze Sklaven; wir haben nur unsere Schuldigkeit getan « (Lk 17,10).

2. Eine weitere Krankheit ist der „Martalismus“ (von „Marta“ abgeleitet), der übertriebene Fleiß: die Krankheit derer, die sich in die Arbeit versenken und dabei unvermeidlich „das Bessere“ vernachlässigen, nämlich sich Jesus zu Füßen zu setzen (vgl. Lk 10,38-42). Darum hat Jesus seine Jünger aufgefordert, „ein wenig auszuruhen“ (vgl. Mk 6,31). Die nötige Ruhe zu vernachlässigen führt nämlich zu Stress und Rastlosigkeit. Die Zeit der Ruhe ist für den, der seine Aufgabe vollendet hat, eine Notwendigkeit und eine Pflicht; sie muss ernsthaft eingehalten werden, indem man ein wenig Zeit mit den Angehörigen verbringt und die Ferien als einen Moment des geistlichen und körperlichen Kraftschöpfens achtet. Man muss lernen, was Kohelet lehrt: » Alles hat seine Stunde. Für jedes Geschehen unter dem Himmel gibt es eine bestimmte Zeit « (3,1).

3. Es gibt auch die Krankheit der geistigen und geistlichen „Versteinerung“: die Krankheit derer, die ein Herz von Stein haben und „halsstarrig“ sind (vgl. Apg 7,51); die unterwegs die innere Gelassenheit, die Lebendigkeit und die Kühnheit verlieren, sich hinter den Schriftstücken verstecken und „Aktenbearbeitungsmaschinen“ werden anstatt „Gottesmänner“ (vgl. Hebr 3,12). Es ist gefährlich, die menschliche Sensibilität zu verlieren, die notwendig ist, um zu weinen mit den Weinenden und sich zu freuen mit den Fröhlichen! Es ist die Krankheit derer, die die „Gesinnung Jesu“ verlieren (vgl. Phil 2,5), weil ihr Herz sich im Laufe der Zeit verhärtet und unfähig wird, den himmlischen Vater und den Nächsten bedingungslos zu lieben (vgl. Mt 22,34-40). Christ sein bedeutet nämlich » so gesinnt sein wie Christus Jesus « (vgl. Phil 2,5), mit einer inneren Haltung der Demut und der Hingabe, der Loslösung und der Großmut.[9]

4. Die Krankheit der Planungswut und des Funktionalismus: wenn der Apostel alles minuziös genau plant und glaubt, dass mit einer perfekten Planung die Dinge wirklich vorankommen, er aber auf diese Weise ein Buchhalter wird oder ein Betriebswirt. Alles gut vorzubereiten ist notwendig, aber ohne in Versuchung zu geraten, die Freiheit des Heiligen Geistes einschließen und steuern zu wollen, die stets größer und großzügiger ist als alles menschliche Planen (vgl. Joh 3,8). Man ist dieser Krankheit ausgesetzt, denn » es ist immer einfacher und bequemer, sich in den eigenen statischen und unbeweglichen Positionen auszustrecken. Tatsächlich erweist sich die Kirche in dem Maß treu gegenüber dem Heiligen Geist, in dem sie nicht den Anspruch erhebt, ihn zu regeln und zu zähmen – den Heiligen Geist zu zähmen! – Er ist Frische, Fantasie, Neuheit. «[10]

5. Die Krankheit der schlechten Koordination: wenn die Glieder nicht mehr gemeinschaftlich miteinander verbunden sind und der Leib seine harmonische Funktionsfähigkeit und sein Maß verliert. Dann wird er zu einem Orchester, das nur Lärm hervorbringt, weil seine Glieder nicht zusammenspielen und keinen Gemeinschafts- und Teamgeist leben. Wenn der Fuß zum Arm sagt: „Ich brauche dich nicht“, oder die Hand zum Kopf: „Ich führe das Kommando“ und auf diese Weise Unbehagen verursacht und Anstoß erregt.

6. Es gibt auch die Krankheit des „geistlichen Alzheimer“: das Vergessen der eigenen „Heilsgeschichte“, der persönlichen Geschichte mit dem Herrn, der » ersten Liebe « (Offb 2,4). Es handelt sich um einen fortschreitenden Verfall der spirituellen Fähigkeiten, der früher oder später zu schweren Behinderungen des Menschen führt und ihn unfähig werden lässt, autonom zu handeln, da er in einem Zustand absoluter Abhängigkeit von seinen oft unwirklichen Vorstellungen lebt. Das sehen wir bei denen, die die Erinnerung an ihre Begegnung mit dem Herrn verloren haben; bei denen, die nicht das „deuteronomische“ Lebensgefühl haben; bei denen, die völlig von ihrer Gegenwart, von ihren Leidenschaften, Launen und Fixierungen abhängen; bei denen, die sich mit Mauern umgeben und sich in Gewohnheiten verschließen und so immer mehr zu Sklaven der Götzenbilder werden, die sie mit eigener Hand geschaffen haben.

7. Die Krankheit der Rivalität und der Eitelkeit[11]: wenn die äußere Erscheinung, die Farbe der Talare und die Ehrenabzeichen zum vorrangigen Lebensziel werden und man die Worte des heiligen Paulus vergisst: » ...dass ihr nichts aus Ehrgeiz und nichts aus Prahlerei tut. Sondern in Demut schätze einer den andern höher ein als sich selbst. Jeder achte nicht nur auf das eigene Wohl, sondern auch auf das der anderen « (Phil 2,3-4). Es ist die Krankheit, die uns zu unaufrichtigen Menschen werden lässt und uns dazu führt, einen vorgespielten Mystizismus und einen vorgespielten „Quietismus“ zu leben. Der heilige Paulus selbst definiert sie » Feinde des Kreuzes Christi «, denn » ihr Ruhm besteht in ihrer Schande; Irdisches haben sie im Sinn « (Phil 3,18.19).

8. Die Krankheit der existenziellen Schizophrenie. Es ist die Krankheit derer, die ein Doppelleben führen, Frucht der typischen Heuchelei des Mittelmäßigen und der fortschreitenden spirituellen Leere, die durch Diplome und akademische Titel nicht gefüllt werden kann. Eine Krankheit, die häufig diejenigen befällt, welche den pastoralen Dienst aufgeben, sich auf die bürokratischen Angelegenheiten beschränken und so den Kontakt zur Wirklichkeit, zu den konkreten Menschen verlieren. Auf diese Weise schaffen sie sich eine Parallelwelt, in der sie alles beiseiteschieben, was sie in Strenge die anderen lehren, und beginnen, ein verborgenes, oft ausschweifendes Leben zu führen. Für diese äußerst schwere Krankheit ist die Umkehr ziemlich dringend und unumgänglich (vgl. Lk 15,11-32).

9. Die Krankheit des Geredes, des Gemunkels und des Tratsches. Von dieser Krankheit habe ich schon viele Male gesprochen, aber nie genug. Es ist eine schwere Krankheit, die ganz einfach beginnt – vielleicht nur, um ein kleines Schwätzchen zu halten – und sich dann des Menschen bemächtigt, ihn zum „Unfriedenstifter“ (wie Satan) macht und in vielen Fällen zum „kaltblütigen Urheber von Rufmord“ der eigenen Kollegen und Mitbrüder. Es ist die Krankheit der Feiglinge, die nicht den Mut besitzen, etwas unmittelbar anzusprechen und daher hinter dem Rücken reden. Der heilige Paulus ermahnt uns: » Tut alles ohne Murren und Bedenken, damit ihr rein und ohne Tadel seid « (Phil 2,14-15). Brüder, hüten wir uns vor dem Terrorismus des Geredes!

10. Die Krankheit, die Vorgesetzten zu vergöttern: Es ist die Krankheit derer, die ihre Oberen hofieren in der Hoffnung, deren Gunst zu erlangen. Sie sind Opfer des Karrierismus und des Opportunismus; sie ehren Menschen und nicht Gott (vgl. Mt 23,8-12). Es sind Menschen, die ihren Dienst einzig im Gedanken an das verrichten, was sie dafür bekommen, und nicht, was sie geben müssen. Es sind kleinliche, unglückliche Menschen, die nur von ihrem fatalen Egoismus geleitet sind (vgl. Gal 5,16-25). Diese Krankheit könnte auch die Oberen befallen, wenn sie einige ihrer Mitarbeiter hofieren, um ihre Unterwerfung, Treue und psychologische Abhängigkeit zu erlangen, doch das Endergebnis ist eine wirkliche Komplizenschaft.

11. Die Krankheit der Gleichgültigkeit gegenüber den anderen: wenn einer nur an sich selber denkt und die Aufrichtigkeit und Herzlichkeit der menschlichen Beziehungen verliert. Wenn der mit der größten Sachkenntnis sein Wissen nicht in den Dienst der weniger sachverständigen Kollegen stellt. Wenn man etwas in Erfahrung bringt und es für sich behält, anstatt es im positiven Sinne mit den anderen zu teilen. Wenn man aus Eifersucht oder Verschlagenheit Freude am Fallen des anderen empfindet, anstatt ihn wieder aufzuheben und zu ermutigen.

12. Die Krankheit der Totengräbermiene. Es ist die Krankheit der Mürrischen und Griesgrämigen, die meinen, um seriös zu sein, müsse man ein trübsinniges, strenges Gesicht aufsetzen und die anderen – vor allem die, welche man niedriger einstuft – mit Strenge, Härte und Arroganz behandeln. In Wirklichkeit sind theatralische Strenge und steriler Pessimismus[12] oft Symptome von Angst und mangelndem Selbstvertrauen. Der Apostel muss sich bemühen, ein freundlicher, unbeschwerter, begeisterter und fröhlicher Mensch zu sein, der Freude verbreitet, wo immer er sich befindet. Ein von Gott erfülltes Herz ist ein glückliches Herz, das Freude ausstrahlt und alle in seiner Umgebung damit ansteckt: Das sieht man sofort! Verlieren wir also nicht jenen fröhlichen, humorvollen Geist, der sogar zur Selbstironie fähig ist und der die Menschen auch in schwierigen Situationen liebenswürdig sein lässt.[13] Wie gut tut uns eine großzügige Dosis gesunden Humors! Es wird uns sehr nützlich sein, oft das Gebet des heiligen Thomas Morus[14] zu beten: Ich bete es jeden Tag, es tut mir gut.

13. Die Krankheit des Hortens: wenn der Apostel eine existenzielle Leere in seinem Herzen zu füllen sucht, indem er materielle Güter anhäuft, nicht aus Notwendigkeit, sondern nur, um sich sicher zu fühlen. In Wirklichkeit werden wir nichts Materielles mitnehmen können, denn „das Totenhemd hat keine Taschen“, und alle unsere irdischen Schätze – auch wenn es Geschenke sind – können niemals jene Leere füllen, im Gegenteil, sie machen sie immer anspruchsvoller und abgründiger. Diesen Menschen wiederholt der Herr: » Du behauptest: Ich bin reich und wohlhabend und nichts fehlt mir. Du weißt aber nicht, dass gerade du elend und erbärmlich bist, arm, blind und nackt ... Mach also Ernst und kehr um! « (Offb 3,17-19). Die Anhäufung belastet nur und verlangsamt unerbittlich den Weg! Und da fällt mir eine Geschichte ein: Die spanischen Jesuiten beschrieben die Gesellschaft Jesu einst als die „leichte Kavallerie der Kirche“. Ich erinnere mich an den Umzug eines jungen Jesuiten. Während er all seine vielen Habseligkeiten – Gepäckstücke, Bücher, Gegenstände und Geschenke in einen Lastwagen lud, sagte ein alter Jesuit, der ihn beobachtete, mit einem weisen Lächeln zu ihm: „Das soll also die ,leichte Kavallerie der Kirche sein‘?“ Unsere Umzüge sind ein Zeichen dieser Krankheit.

14. Die Krankheit der geschlossenen Zirkel, wo die Zugehörigkeit zum Grüppchen stärker wird als die zum Leib und – in einigen Fällen – zu Christus selbst. Auch diese Krankheit beginnt immer mit guten Absichten, aber im Laufe der Zeit unterjocht sie die Mitglieder und wird zu einem Krebs, der die Harmonie des Leibes bedroht und viel Unheil verursacht – Anstoß erregt – besonders für die Geringsten unserer Brüder. Die Selbstzerstörung oder der „Eigenbeschuss“ der Gefährten ist die heimtückischste Gefahr.[15] Es ist das Übel, das von innen her zuschlägt,[16] und Jesus sagt dazu: » Jedes Reich, das in sich gespalten ist, wird veröden « (Lk 11,17).

15. Und die letzte Krankheit: die des weltlichen Profits, der Zurschaustellung,[17] wenn der Apostel seinen Dienst in Macht und seine Macht in Ware verwandelt, um weltlichen Nutzen oder mehr Einfluss zu gewinnen. Es ist die Krankheit der Menschen, die unersättlich danach streben, Machtbefugnisse zu vervielfältigen, und die fähig sind, zu diesem Zweck die anderen zu verleumden, zu diffamieren und zu diskreditieren, sogar in Zeitungen und Zeitschriften. Natürlich um sich hervorzutun und sich als fähiger zu erweisen als die anderen. Auch diese Krankheit schadet dem Leib sehr, denn sie führt die Menschen dazu, den Gebrauch jedweden Mittels zu rechtfertigen, nur um dieses Ziel zu erreichen – oft im Namen der Gerechtigkeit und der Transparenz! Und hier erinnere ich mich an einen Priester, der die Journalisten kommen ließ, um ihnen private und vertrauliche Angelegenheiten seiner Mitbrüder und Gemeindemitglieder zu erzählen – und zu erfinden. Ihm ging es nur darum, sich auf den Titelseiten zu sehen, denn auf diese Weise fühlte er sich mächtig und interessant – und richtete so viel Unheil an für die anderen und für die Kirche. Der Arme!

Brüder, diese Krankheiten und diese Versuchungen sind natürlich eine Gefahr für jeden Christen und für jede Kurie, Gemeinschaft, Kongregation, Pfarrei und kirchliche Bewegung, und sie können auf individueller wie auf gemeinschaftlicher Ebene auftreten.

Es muss klargestellt werden, dass allein der Heilige Geist alle Krankheiten heilen kann: Er ist die Seele des mystischen Leibes Christi, wie das Glaubensbekenntnis von Nizäa-Konstantinopel bekräftigt: » Ich glaube ... an den Heiligen Geist, der Herr ist und lebendig macht «. Der Geist unterstützt jedes aufrichtige Bemühen um Läuterung und jeden guten Willen zur Umkehr. Er ist es, der uns begreifen lässt, dass jedes Glied teilhat an der Heiligung des Leibes oder an seiner Schwächung. Er ist der Stifter der Harmonie[18]: » Ipse harmonia est «, sagt der heilige Basilius. Und der heilige Augustinus sagt: » Solange ein Teil mit dem Leib verbunden bleibt, ist seine Heilung nicht aussichtslos; was hingegen abgetrennt wurde, kann weder gepflegt, noch geheilt werden. «[19]

Die Heilung ist auch Frucht des Wissens um die Krankheit sowie des persönlichen und gemeinschaftlichen Entschlusses, sich behandeln zu lassen und dabei mit Geduld und Ausdauer die Behandlung zu ertragen.[20]

Wir sind also berufen, in dieser Weihnachtszeit wie auch für die ganze Dauer unseres Dienstes und unseres Daseins so zu leben, dass wir uns » von der Liebe geleitet, an die Wahrheit halten und in allem wachsen, bis wir ihn erreicht haben. Er, Christus, ist das Haupt. Durch ihn wird der ganze Leib zusammengefügt und gefestigt in jedem einzelnen Gelenk. Jedes trägt mit der Kraft, die ihm zugemessen ist. So wächst der Leib und wird in Liebe aufgebaut « (Eph 4,15-16).

Liebe Brüder, ich habe einmal gelesen, dass Priester wie Flugzeuge sind: Schlagzeilen machen sie nur, wenn sie abstürzen – doch sehr viele gibt es unter ihnen, die fliegen. Viele kritisieren, aber wenige beten für sie. Es ist ein recht amüsanter aber auch sehr wahrer Satz, denn er beschreibt die Bedeutung und die Zerbrechlichkeit unseres priesterlichen Dienstes und welchen Schaden ein einziger Priester, der „fällt“, für den ganzen Leib der Kirche verursachen kann.

Um also in diesen Tagen, in denen wir uns auf die Beichte vorbereiten, nicht zu fallen, bitten wir die Jungfrau Maria, die Mutter Gottes und Mutter der Kirche, die Verletzungen der Sünde, die jeder von uns in seinem Herzen trägt, zu heilen und die Kirche wie auch die Kurie zu unterstützen, damit sie heil und heilend, heilig und heiligend seien, zur Ehre ihres Sohnes und zu unserem und der Welt Heil. Wir bitten sie, in uns eine Liebe zur Kirche zu entfachen, wie Christus, ihr Sohn und unser Herr sie hatte, und uns den Mut zu schenken, uns als Sünder zu bekennen, die ihrer Barmherzigkeit bedürfen, damit wir furchtlos unsere Hände in ihre mütterlichen Hände legen.

Euch allen, euren Familien und Euren Mitarbeitern meine Glückwünsche für ein gesegnetes Weihnachtsfest. Und – bitte! – vergesst nicht, für mich zu beten! Herzlichen Dank!

 

[1] Er sagt, dass die Kirche, da sie mysticum Corpus Christi ist, »auch eine Vielzahl von Gliedern erfordert, die so miteinander verbunden sein müssen, dass sie sich gegenseitig helfen. Und wie in unserem sterblichen Organismus, wenn ein Glied leidet, die anderen seinen Schmerz empfinden und ihm zu Hilfe kommen, so leben in der Kirche die einzelnen Glieder nicht jedes für sich, sondern helfen auch den anderen, indem sie zusammenarbeiten, sowohl zur gegenseitigen Stärkung, als auch für eine immer bessere Entfaltung des gesamten Leibes ... ein Leib, der nicht aus irgendeiner Anhäufung von Gliedern besteht. Er muss vielmehr mit Organen bzw. Gliedern ausgestattet sein, die nicht alle dieselbe Aufgabe haben, sondern gebührend aufeinander abgestimmt sind. Speziell aus diesem Grund muss die Kirche Leib genannt werden, denn sie entsteht aus einer rechten Anordnung und einem kohärenten Zusammenschluss untereinander verschiedener Glieder« (Enzyklika Mystici Corporis Erster Teil: AAS 35 [1943], 200).

[2] Vgl. Röm 12,5: » So sind wir, die vielen, ein Leib in Christus, als einzelne aber sind wir Glieder, die zueinander gehören. «

[3] Dogm. Konst. Lumen gentium, 7.

[4] Katechismus der Katholischen Kirche, Nr. 795. Man beachte außerdem: » Der Vergleich der Kirche mit dem Leib wirft Licht auf die innige Verbindung zwischen der Kirche und Christus. Die Kirche ist nicht nur um ihn versammelt, sondern in ihm, in seinem Leib geeint. Drei Aspekte der Kirche als des Leibes Christi sind besonders hervorzuheben: die Einheit aller Glieder untereinander durch ihre Vereinigung mit Christus; Christus als das Haupt des Leibes; die Kirche als die Braut Christi. « Vgl. ebd. Nr. 789.

[5] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 130-131.

[6] Jesus hat wiederholt die Einheit deutlich gemacht, welche die Gläubigen mit ihm haben müssen: » Wie die Rebe aus sich keine Frucht bringen kann, sondern nur, wenn sie am Weinstock bleibt, so könnt auch ihr keine Frucht bringen, wenn ihr nicht in mir bleibt. Ich bin der Weinstock, ihr seid die Reben « (Joh 15,4-5).

[7] Vgl. Apostolische Konstitution Pastor Bonus Art. 1; CIC can. 360.

[8] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 197-201.

[9] Vgl. Benedikt XVI., Katechese in der Generalaudienz, 1. Juni 2005.

[10] Homilie in der Eucharistiefeier, Istanbul, Heilig-Geist-Kathedrale, 29. November 2014.

[11] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 95-96.

[12] Vgl. ebd., 84-86.

[13] Vgl. ebd., 2.

[14] »Schenke mir, Herr, eine gute Verdauung und auch etwas zum Verdauen. Schenke mir die Gesundheit des Leibes und die nötige gute Laune, um sie zu bewahren. Schenke mir, Herr, eine einfache Seele, die alles Gute zu beherzigen weiß und sich angesichts des Bösen nicht leicht erschreckt, sondern vielmehr Wege findet, die Dinge wieder in Ordnung zu bringen. Gib mir eine Seele, der die Langeweile fremd ist und die weder Murren noch Seufzen noch Klagen kennt, noch die übertriebene Sorge um dieses sich breit machende Etwas, das sich “Ich“ nennt. Schenke mir, Herr, den Sinn für Humor. Gib mir die Gnade, einen Scherz zu verstehen, damit ich im Leben ein wenig Freude entdecke und fähig bin, auch den anderen davon mitzuteilen. Amen.«

[15] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 88.

[16] Der selige Papst Paul VI. sagte in Bezug auf die Situation der Kirche, er habe den Eindruck, dass » durch irgendeinen Riss der Rauch Satans in den Tempel Gottes eingedrungen sei « (Homilie am Hochfest der Apostel Petrus und Paulus, 29. Juni 1972); vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 98-101.

[17] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 93-97 (» Nein zur spirituellen Weltlichkeit «).

[18] »Der Heilige Geist ist die Seele der Kirche. Er schenkt das Leben, erweckt die verschiedenen Charismen, die das Volk Gottes bereichern, und vor allem schafft er die Einheit unter den Gläubigen: Aus vielen bildet er einen einzigen Leib, den Leib Christi ... Der Heilige Geist wirkt die Einheit der Kirche: Einheit im Glauben, Einheit in der Liebe, Einheit im inneren Zusammenhalt« (Homilie in der Eucharistiefeier, Istanbul, Heilig-Geist-Kathedrale, 29. November 2014).

[19] Serm., CXXXVII, 1: PL, XXXVIII, 754.

[20] Vgl. Apostolisches Schreiben Evangelii gaudium, 25-33 (»Seelsorge in Neuausrichtung«).

(Quelle: vatican.va)