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IN KIRCHE UND WELT

 

Aus dem Johannesevangelium

1Jesus aber ging zum Ölberg. 2Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. 3Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte

4und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. 5Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? 6Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie. 8Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. 10Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? 11Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!

Wenn wir diese kurze Stelle aus dem Johannesevangelium betrachten, so ist es wert, zuerst die Einleitung genauer zu überdenken. Jesus geht zum Ölberg. Es ist der Ort, wo er selbst in Todesangst beten wird: „Vater, wenn es möglich ist, so gehe dieser Kelch an mir vorüber - aber nicht wie ich will, sondern, wie du willst, soll es gesehehen!“.  Jesus war zum Gebet auf dem Ölberg. Und aus dieser tiefen Verbindung mit seinem Vater im Himmel heraus kann er die ganze göttliche Barmherzigkeit auf die Menschen überfließen lassen! - Ein erster wichtiger Hinweis, ein Auftrag für unser persönliches Leben! Nur aus der tiefen Verbindung mit unserem himmlischen Vater kann unser Leben ein Zeugnis für seine göttliche Barmherzigkeit sein. Nur das Gebet kann uns in die Lage versetzen, dieser Welt ein neues, christliches Angesicht zu verleihen. Wie oft erkennen wir das innerhalb unseres kirchlichen Lebens - Da werden Sitzungen über Sitzungen abgehalten, oftmals halbherzig mit einem kurzen Gebet eingeleitet. Würden wir den Schwerpunkt auf das gemeinsame Gebet legen, wie viel Streit und Auseinandersetzung könnten wir uns da vielleicht ersparen. Und dann könnte so manches Problem unter dem Blick der christlichen Liebe und Barmherzigkeit, mit der Hilfe des Hl. Geistes angegangen werden - und nicht nur nach den weltlichen Kriterien von Struktur und Finanz. 

Als Jesus zurückkommt, wird die Szene brisant. Den Schriftgelehrten und Pharisäern geht es im Ersten wohl gar nicht um das Vergehen, schon gar nicht um diese Frau in ihrer menschlichen Persönlichkeit. Sie wollen Jesus eine Falle stellen. Dieser Wanderprediger und Wundertäter ist ihnen ein Dorn im Auge. Sie fürchten um ihre wohldotierten Posten innerhalb des jüdischen Establishments, um ihr Ansehen vor den Leuten, um ihren Einfluß auf Politik und Gesellschaft. Dieser Sohn des Zimmermanns verkündet eine Lehre, die zwar tief verwurzelt ist in den Heiligen Schriften, die sie selbst - oft zum eigenen Vorteil - verkünden und auslegen. Und doch ist seine Botschaft so neu, so überraschend. Die Botschaft der Barmherzigkeit und Liebe, der Vergebung und Bereitschaft zum VErzeihen. Kein „Auge um Auge - Zahn um Zahn“ - kein Aufbauen von Feindbildern (den Nächsten lieben, den Feind hassen…), sondern dieser Jesus streckt dem Armen, dem Sünder, dem Ausgestoßenen, dem Krüppel die Hand hin. Er richtet auf, er heilt, er verzeiht die Sünden. Und die Menschen hören ihm zu, finden neue Hoffnung. 

Nicht die Hoffnung, nicht das Heilen, nicht das eine oder andere Wunder ist es, was die Pharisäer und Schriftgelehrten stört. Und an diesen Dingen können sie den Herrn auch nicht festnageln. Denn dann hätten sie erst wieder das ganze Volk gegen sich. Er muß sich eines Vergehens gegen das mosaische Gesetz schuldig machen. Er muß eine Aussage treffen, für die sie ihn anklagen können.

Und so diese hinterhältige Frage, als sie die Frau, geschunden und voller Scham, in die Mitte zerren und zu Boden stoßen: „ Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du?“ - Schon die Fragestellung entlarvt ihre Ziele! Denn die Frau konnte wohl nicht allein Ehebruch begehen! Wo war der zugehörige Mann, der mit ihr sündigte? Warum wurde der nicht angeklagt? Oder war es eine Prostituierte? Auch da hätte sie keine ehebrecherischen Vergehen ohne ihre Kundschaft verüben können. 

Jesus durchschaut die Menschen. Er erkennt, was der eigentliche Beweggrund ist. Aber gerade in diesem Moment bezeugt er die göttliche Barmherzigkeit bis zur Vollendung. Er weist die Pharisäer und Schriftgelehrten nicht zurecht. Er klagt nicht an. Er beschimpft sie nicht. Sondern er will ihnen in seiner göttlichen Liebe ebenso helfen, den richtigen Weg wieder zu finden. Einen Weg, der Mauern einreißt, anstatt sie aufzubauen, der zur Liebe fähig ist, anstatt im Hass sich von Menschen abzuwenden, einen Weg, der mit den Augen Gottes das Ganze sieht und nicht wie mit Scheuklappen nur einen kleinen Ausschnitt, gefärbt von persönlichen Hintergedanken, Vorteilsdenken und Egoismus. 

Und deshalb die Aufforderung des Herrn: „Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als Erster einen Stein auf sie!“ -  Diese Aufforderung umrahmt er mit dem Schreiben auf die Erde. Da haben sich so manche Theologen und Bibelwissenschaftler den Kopf darüber zerbrochen, was denn der Herr hier auf die Erde geschrieben habe. Ist es eine Anklage gegen jene, die nun zu Anklägern wurden, wie es Jeremia 17,13 sagt: „Alle, die dich verlassen, werden zuschanden, die sich von dir abwenden, / werden in den Staub geschrieben; denn sie haben den Herrn verlassen, / den Quell lebendigen Wassers.“

Oder zeigt Jesus damit, dass er nun schreibt, wie er das neue Gesetz der Liebe verkörpert, denn das mosaische Gesetz gilt ja mit dem Finger Gottes geschrieben. Hier schreibt der Finger Gottes, der Finger des Gottmenschen Jesus Christus. 

Wir werden keine letztgültige Antwort finden. In jedem Falle hat die Antwort des Herrn im wahrsten sinne des Wortes gesessen! Sie gehen alle fort, einer nach dem anderen. Denn ehrlicherweise konnte keiner von sich behaupten, ohne Sünde zu sein. Und vielleicht reifte da schon im Herzen des einen die Erkenntnis, wie einseitig und ungerecht ihr vorschnelles Urteilen über die Frau war, im anderen die Einsicht, dass er selbst vielleicht da oder dort zum Anlass der einen oder anderen Sünde geworden ist. 

Sie gehen alle fort. Die Frau lassen sie da. Und Jesus erweist nun im innigen Zwiegespräch nochmals seine göttliche Vollmacht und bezeugt Gottes Barmherzigkeit. „Auch ich verurteile dich nicht!“

Doch dieser Satz geht einher mit der ernsten Mahnung: „Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!“

Die Barmherzigkeit Gottes ist kein blindes Zuschauen bei allen Sünden und Verbrechen der Menschheit! Gott ist nicht der senile alte Großvater, der nicht mehr mitkriegt, was die Enkel alles um ihn herum treiben! Er ist der Gott unseres Lebens. Aber auch kein Gott, der wie ein General nur darauf wartet, dass wir einen Fehler begehen um drein zu schlagen. Schon gar kein hinterlistiger Gott, der bewußt Fallen stellt, in die wir Menschen hineintappen. Er ist der gütige, barmherzige Vater, der an der Türe steht und wartet, ob der verlorene Sohn aus dem Ort der Sünde zurückkehrt. Er ist der Freund der Menschen, wie es im Buch der Weisheit heißt. Er ist der barmherzige und treue Gott, der uns anweist, von der Sünde abzulassen, nachdem wir von Herzen bekannt haben, wie weit wir vom Weg abgekommen sind, wie tief wir gesunken sind. 

Doch sein Arm ist nicht zu kurz, auch wenn der Graben, in dem wir liegen, noch so tief ist.  Sein Arm ist nicht zu kurz, uns aus diesen Tiefen zu heben. 

Und dies dürfen wir immer neu erleben. Im Sakrament der Beichte, der Versöhnung mit ihm und unseren Mitmenschen, in der Bereitschaft Gottes, auch dort einen Schritt auf uns zuzugehen, wo wir diesen ersten kurzen Schritt noch nicht wagen. 

Die Kärntner Dichterin Christine Lavant hat einmal nieder geschrieben: „Ich weiß nicht, ob der Himmel niederkniet, wenn der Mensch zu schwach ist, um hinaufzusehen!“ - Gerade im Sakrament der Beichte können wir sagen: Ja, der Himmel kniet nieder, Gott neigt sich herab, holt uns herauf aus Schlamm und Morast der Sünde, aus den Gräben, die wir uns selber gegraben haben in menschlicher Blindheit. Sein starker Arm hält uns fest, ergreift uns neu und läßt uns das unverbrüchliche Zeugnis seiner Barmherzigkeit spüren, wenn wir die erlösenden Worte hören: „Ich spreche dich los von deinen Sünden!“